zur Wissenschaft im Dialog Homepage zur Wissenschaft debattieren Startseite
 

Wie lernen wir am effektivsten? Berliner Realschüler im Gespräch mit der Psychologin Angela Heine. Foto: Katja Machill/WiD

Junior Science Café Berlin

Plaudern über Lernen, Chunking und Computerspiele

Als der fünfzehnjährige Ugurcan zum Hörer greift, um Dr. Angela Heine von der Freien Universität Berlin die Anfahrt zur Winkelried Realschule in Berlin Mitte zu beschreiben, ist er doch ein wenig aufgeregt: „Ich dachte, Wissenschaftler sind streng, aber Frau Heine war am Telefon ganz locker.“

Es ist auch Ugurcan, der die Psychologin am 1. Juli von der U-Bahn-Haltestelle Rehberge abholt und sie zur Schule geleitet. Dort bereiten seine Mitschüler indessen den Klassenraum vor, stellen Tische zusammen, verteilen Kaffee und selbstgemachten Kuchen und blicken immer wieder erwartungsvoll auf den Schulhof — wo bleibt die Expertin?

Zerife liest sich leise ihre Moderationskärtchen vor. Rabia, die „Chefin“ der Veranstaltung, geht ein letztes Mal die Checkliste durch und ist beruhigt: Die Neuntklässler haben alle Aufgaben erledigt, die Expertin kann kommen, ihr erstes Junior Science Café beginnen. Titel: Lernen und Hirn.

„Ich bin keine Nasshirnforscherin“, stellt sich Angela Heine den Schülern vor. „Wenn ich untersuche, wie das Denken zu Stande kommt, muss ich dazu kein Gehirn aufschneiden“, erklärt sie weiter. Stattdessen bestückt sie die Kopfhaut ihrer Probanden mit Elektroden und misst die Vorgänge im Hirn von außen. Oder sie schiebt sie in den Tomographen. Kognitive Neurowissenschaft — so heißt ihre Forschungsrichtung.

Ungeduldig unterbricht die Moderatorin Zerife die Ausführungen der Psychologin. Alle Schüler hätten Fragen vorbereitet, die sie jetzt auch gerne stellen wollen. Zum Beispiel: Warum denken wir überhaupt? „Fangen wir doch mal mit dem Gedächtnis an“, schlägt Angela Heine vor. „Ich sage euch eine Telefonnummer und ihr versucht, sie euch zu merken. 342 88 57. (Pause) Und, wer weiß sie noch? (Pause, Schüler melden sich) Und wie hast du sie dir gemerkt?“

Als ein Schüler „mit Betonung“ ruft, nickt sie. Der Fachbegriff für diesen Prozess heiße Chunking. Man merkt sich komplexe Dinge in Häppchen. So wie die neuen KitKat Chunky. „Das sind auch Häppchen, Schokoladenhäppchen“, sagt Heine und lacht, weil sie damit gleich den nächsten Merktrick verraten hat. Das Wort oder die Sache, die man behalten möchte, mit möglichst vielen anderen Sachen in Verbindung bringen, die man schon kennt. Eben Chunking mit KitKat Chunky.

„Für mich ist es eine gute Übung, Dinge, mit denen ich mich jeden Tag beschäftige, so zu übersetzen, dass sie jeder versteht“, sagt Angela Heine, die zum ersten Mal mit Schülern zusammenarbeitet. Für die Zukunft kann sie sich auch längerfristige Projekte wie eine Psychologie-AG vorstellen. Was sie als Wissenschaftlerin macht, würde sie jederzeit wieder erklären und fühlt sich auch verpflichtet dazu. „So kann ich der Gesellschaft etwas zurückgeben, schließlich ist sie es, die meine Forschung finanziert.“

Die nächste Frage kommt von Ugurcan: „Stimmt es, dass Computerspielen dumm macht?“ Sie selbst sei kein Gamer, sagt Angela Heine, aber es hat sich gezeigt, dass professionelle Gamer von Spielen wie World of Warcraft eine extrem gute Aufmerksamkeit haben. Sie können sehr schnell auf visuelle Reize reagieren und ihre Aufmerksamkeit sehr gut fokussieren — eine der Grundvoraussetzungen für effektives Lernen. Ugurcan grinst — er selbst hat eine Spielkonsole.

Zwei Stunden lang plaudern die Schülerinnen und Schüler mit der Wissenschaftlerin. Zuvor haben sie sich im Rahmen von Projekttagen drei Tage lang intensiv mit Fragen rund um Lernen, Denken und Gedächtnis beschäftigt. „Junior Science Cafés können aber auch als Arbeitsgemeinschaft am Nachmittag organisiert werden“, sagt Maria Kolbert, Projektleiterin im Forschungsprojekt „Wissenschaft debattieren!“.

Ugurcan, der geduldig darauf wartet, dass die Expertin ihr Gespräch beendet, um sie zurück zur U-Bahn-Station zu bringen, ist glücklich: „Wenn ich heute nach Hause komme, werde ich meiner Mutter gleich erzählen, dass Computerspielen nicht dumm macht!“ Für das nächste Junior Science Café wünscht er sich ein neues Thema. Sportwissenschaft zum Beispiel. Denn mit Fußball kenne er sich aus.

 

Im Rahmen des Forschungsprojekts „Wissenschaft debattieren!“ wird das in England und Frankreich bereits bekannte Format des Junior Science Cafés an deutsche Schulen gebracht. Innerhalb eines Schuljahres organisieren Schüler der Klassenstufen 9 bis 12 eigeninitiativ drei bis vier formlose Treffen mit Wissenschaftlern, um wissenschaftliche Fragen zu diskutieren. Auf diese Weise soll ihre Motivation und ihr Interesse an wissenschaftlichen Themen gestärkt werden. kma

 

Fotos: Katja Machill/WiD

Partner

Links

ZIRN BMBF

Deine Idee zu Energie?

 

Was Wann Wo

Junior Sciene Café
Winkelried Realschule Berlin
Lernen und Hirn
01.07.2010

 

Experten

Alle Veranstaltungen von „Wissenschaft debattieren!“ wurden von Experten begleitet.
Zur Expertenübersicht

 
 Impressum | Disclaimer | Datenschutz