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Interview

„Analysieren ist kein Pappenstiel“

Rüdiger Goldschmidt spricht mit Katja Machill über seine Arbeit als Evaluator im Forschungsprojekt „Wissenschaft debattieren!“.

25 Veranstaltungen in neun verschiedenen Städten, 36.000 Kilometer mit der Bahn, 2.100 Fragebögen und 18.900 Minuten Videomaterial: Rüdiger Goldschmidt (35), Sozialwissenschaftler aus der Projektgruppe  ZIRN an der Universität Stuttgart, hat in den letzten zwei Jahren Daten in rauen Mengen gesammelt. Als Evaluator beobachtet und analysiert er die Veranstaltungen im Forschungsprojekt „Wissenschaft debattieren!“: Bürger- und Konsensuskonferenzen, Junior Science Cafés, Schülerparlamente, Bürgerausstellungen. Immer reist er mit viel Gepäck.


Sein Arbeitsplatz ist oft das Hotelzimmer: Rüdiger Goldschmidt beim Analysieren der Daten. Foto: Rüdiger Goldschmidt/ZIRN

Was steckt im Arbeitskoffer eines Evaluators?

Laptop, Camcorder, Protokollblätter, je nach Veranstaltung Fragebögen und haufenweise Kleinzeugs wie Speicherkarten, Bündel Bleistifte, Ersatz-Akku, Papier und eine Notration Essen, falls ich mal nicht dazu komme.

Was evaluieren Sie?

Wir beantworten im Projekt „Wissenschaft debattieren!“ die Frage, wie effektiv verschiedene Veranstaltungsformate für die Wissenschaftskommunikation sind und was man mit Bürgerbeteiligung und dem Dialog zwischen Wissenschaftlern und Bürgern erreichen kann. Was haben die Teilnehmer mitgenommen? Wurde ihr Interesse oder ihre Urteilsfähigkeit zu einem bestimmten Thema gesteigert? Sind sie nach einer Veranstaltung aufgeschlossener gegenüber der Wissenschaft? Wir untersuchen auch, ob Änderungen mittelfristig wirken.

Wie funktioniert das praktisch?

Entweder ich gehe auf Reisen, bin live bei der Veranstaltung dabei und sammle Daten oder ich analysiere und reflektiere. Die Analysen kann man in der Uni machen, aber auch in jedem beliebigen Hotelzimmer. Dann nehme ich mir die Protokollblätter und Videos vor und werte sie systematisch mithilfe eines Fragenkatalogs aus.

Ist die Beobachtung Ihre einzige Methode für die Evaluation?

Nein, sie ist eine von vier Methoden. Alle Teilnehmer befragen wir per Fragbögen vor, während und nach einer Veranstaltung, um eventuelle Veränderungen feststellen zu können. Wir führen außerdem Interviews mit ausgewählten Teilnehmern und insbesondere mit Wissenschaftlern, die die Veranstaltungen  begleiten. Und wir analysieren Dokumente, beispielsweise Bürgererklärungen oder die Diskussionsverläufe in Internetforen.

Was schätzen Sie, wie viel Vor- und Nachbereitung steckt in einer von Ihnen begleiteten Veranstaltung?

Ein Vielfaches an Zeit. Als Erstes kommt die konzeptionelle Arbeit mit Fragen wie: Was wollen wir genau herausfinden? Das kann sehr lange dauern. Wir haben zum Beispiel sehr lange darüber nachgedacht, was der Begriff „Urteilsfähigkeit“  alles bedeutet. Dann müssen die Instrumente für die Evaluation aufgebaut werden. Fragebögen werden erstellt und an die jeweiligen Veranstaltungen angepasst. Nach der Befragung der Teilnehmenden kommt das Datenmanagement: Die Daten müssen strukturiert abgelegt werden. Und schließlich geht es an die Analyse. Das ist kein Pappenstiel.

Sie evaluieren viele Veranstaltungen vom selben Typ, etwa vier Bürgerkonferenzen, zehn Schülerforen, zehn Junior Science Cafés. Gibt es Unterschiede?

Die Veranstaltungen unterscheiden sich in der Anzahl und Art der Teilnehmer und im Veranstaltungsort. Das Junior Science Café wird beispielsweise in Berlin und Bergheim, an Haupt-, Realschulen und Gymnasien durchgeführt. Bezüglich der Schultypen zeichnen sich hier erste Unterschiede ab. Beispielsweise müssen Realschüler mehr an das Thema herangeführt werden. Sie gehen sehr pragmatisch an Aufgaben heran, sind aber offen und haben wenig Kontaktangst. Sie sagen „Ich mach das einfach, ich probier das“. Allerdings lassen sich Realschüler leichter verunsichern als Gymnasiasten. Grundsätzlich ist an Haupt- und Realschulen meiner Meinung nach sehr viel Potenzial, Schüler für Wissenschaft zu begeistern.

Meistens sitzen Sie mit Ihrer Kamera hinten im Raum und beobachten. Was tun Sie, damit sich die Teilnehmer nicht wie Versuchskaninchen vorkommen?

Ich mache transparent, was mein Ziel ist, und erkläre ihnen, wozu das Ganze dient.

Was können Sie nur mit der Kamera nachträglich feststellen?

Die Videodokumente dienen der Prüfung von Ergebnissen. Nehmen wir an, ich habe protokolliert, dass jemand mit dem Gesprächsverlauf nicht einverstanden war, Zitat „Ich mache nicht mehr mit, weil ich das alles total unfair finde!“. Ich kann über das Video genau kontrollieren, was geschehen ist, und bestimmte Aspekte eingehender prüfen. Zum Beispiel, ob ein Gespräch eben fair verlaufen ist. Anhand des Videos zähle ich aus, welche Beteiligten sich am intensivsten in das Gespräch eingebracht haben, und erkenne auch, ob jemand vom Gespräch ausgeschlossen war. Eine Analyse der Videodaten ist auch dann sehr nützlich, wenn ich neue Untersuchungsfragen stelle, die sich aus den Interviews oder Befragungen entwickelt haben. Die kann ich auf diese Weise nachträglich beantworten.

Im Projekt „Wissenschaft debattieren!“ soll ein Dialog zwischen Gesellschaft und Wissenschaft entwickelt werden, von dem beide Seiten profitieren. Was haben die Experten davon?

Wissenschaftler sprechen hier mit Laien intensiv über ihre Forschungsgebiete. Für einige Wissenschaftler ist das neu. Das Thema, mit dem man sich täglich beschäftigt, herunter zu brechen für Menschen, die einen anderen Wissensstand haben, und es so aus einer anderen Perspektive zu entdecken, das ist für viele ein Gewinn.

Ist die Evaluation eines Projekts wie „Wissenschaft debattieren!“ neu für Sie?

Wissenschaftskommunikation analysiere ich schon eine ganze Weile. Wir hatten zum Beispiel ein Projekt, in dem Jugendlichen der Begriff „nachhaltige Entwicklung“ nahegebracht werden sollte. Noch länger beschäftige ich mich mit Verfahren der Bürgerbeteiligung. Bei einem früheren Projekt haben Bürger aus verschiedenen europäischen Ländern eine Bürgererklärung zur Zukunft der Hirnforschung erarbeitet.

Was fasziniert Sie an Ihrer Arbeit?

Ich will sehen, wie Verständigung zwischen Menschen funktioniert. Ich gehe in Prozesse hinein und sammle Daten. Ich genieße die vielen einzelnen Perspektiven, Meinungen und Eindrücke, aber auch die Gesamtsicht. Denn ich muss auch ein Stück weit aus der Situation heraustreten und das Ganze anschauen. Abwägen, was ich beobachtet habe und dabei das Forschungsziel nicht aus den Augen verlieren. Beobachten, Informationen sammeln, einordnen, auswerten und schlussfolgern – das ist mein Ding.

Beeinflusst die beständige Arbeit als Beobachter Ihre Wahrnehmung in der Freizeit?

Das geht Hand in Hand. Ich weiß nicht, was was beeinflusst. Ein strukturierter Beobachter bin ich schon immer gewesen. Als Kind habe ich Sherlock Holmes gelesen. Der hat sehr genau beobachtet. Das habe ich mir damals schon zu Herzen genommen. Und von Jules Verne kam die Neugier.

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